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Eine Zeit in Orangen - Der Erste Duft

Leseprobe

Für alle Persephones dort draußen

– ihr seid gut genug.

Für alle, die sich nicht trauen zu träumen

und trotzdem den Mut haben es zu tun.

Für alle anderen: Traut euch, euren Mantel abzulegen!

Ich

Persephone

​

Ich trage einen Umhang, der mich unsichtbar werden lässt. Manchmal funktioniert er so gut, dass ich mich selbst nicht mehr sehen kann. Zu gut verbirgt er das, was nicht gesehen werden soll, meine Unsicherheit, meine Traurigkeit und meine Sehnsüchte. Aber auch meine Speckröllchen, meinen Po und meine Oberarme. Ich bin das, was man curvy nennt, dick, oder wenn es nach der Body-Positivity-Bewegung geht, mehrgewichtig. Doch das sind nur Worte; was zählt, ist, was Menschen wie ich fühlen, was sie von sich zeigen wollen und wie sehr sie ihren Umhang brauchen.

Manche von uns benötigen ihn gar nicht – dafür beneide ich sie.

Es gibt Tage, an denen ist mein Umhang fest, dicht und undurchlässig, an anderen eher leicht und fast durchscheinend. Heute ist mein Umhang grün und hat die Form eines Mantels – lang und leicht gefüttert.

 

Zusammen mit einem heißen Becher Latte macchiato, den ich mit beiden Händen fest umschlungen halte, sollen sie mich vor den sehr frischen Temperaturen heute Morgen schützen. Im April kann es in Hamburg um diese Zeit noch unangenehm kalt sein, sodass der Kaffee nicht nur mich innerlich wärmt, sondern auch meine Hände.

»Persephone, sieh dir die mal an!«

Persephone, das bin ich. Persephone Lindmer. Ein Geschenk ist der Name definitiv nicht. Ich glaube, das ist einfach so, wenn beide Eltern eingefleischte Griechenland-Fans im Allgemeinen und der griechischen Mythologie im Besonderen sind.

Aber hey, es geht bestimmt schlimmer.

​

Als ich zu meiner Freundin Hannah rübergehe, steht sie an dem Tisch einer älteren Dame, deren Sachen verdammt teuer aussehen, was mich meistens davon abhält, mich länger an solchen Ständen aufzuhalten. Wir haben es tatsächlich geschafft, uns am Sonntagmorgen um 5:42 Uhr aus dem Bett zu quälen, damit wir noch vor sieben auf dem Turmwegflohmarkt sind, um günstig an Designerstücke und echte Schnäppchen zu kommen.

Es ist einer der angesagtesten Flohmärkte in Hamburg. Rund um das MARKK, das ehemalige Museum für Völkerkunde, mitten am Rothenbaum, einem Nobelviertel von Hamburg, verkaufen die Reichen und Schönen ihre Mode vom letzten Jahr, die eine oder andere Rarität aus dem Keller oder eben alles, was sie nicht mehr brauchen, um Menschen, die weniger gut betucht sind, etwas Gutes zu tun.

Menschen wie mir oder meiner Freundin Hannah.

​

Durch den Dampf, der von meinem Becher aufsteigt, sehe ich zu Hannah rüber, die ein paar leuchtend rote Lederhandschuhe hoch hält.

»Also, was meinst du?«, ruft sie mir strahlend zu.

Ich kann ihr jetzt schon ansehen, dass meine Antwort keinen großen Einfluss mehr auf ihre Entscheidung haben wird. Also ziehe ich gekonnt eine Augenbraue nach oben, auch wenn ich weiß, dass Hannah es hasst, wenn ich das mache.

»Als bräuchtest du meine Meinung noch!«, antworte ich lachend. Hannah zieht in gespielter Empörung eine Flunsch, das Schmunzeln in ihren Mundwinkeln ist jedoch nicht zu übersehen.

»Ich liebe nun mal alles, was rot ist. Ich denke, sie würden perfekt zu meinen roten Stiefeletten passen, die ich mir im letzten Herbst gekauft habe!«

Ich rolle übertrieben mit den Augen und schmunzele dann – sie ist einfach unverbesserlich, was ihre Leidenschaft für rote Dinge angeht.

»Was möchten Sie dafür haben?«

Ich betrachte die Dame, die hinter dem Tapeziertisch steht, etwas genauer.

Den ultraschicken Strickmantel hat sie fest um sich gewickelt und unter ihrer pinken Mütze sind einige graue Strähnen gewollt ungewollt in die Stirn gezupft. Sie sieht uns beide an und lächelt.

»Na, wenn sich jemand so freut… Ich trage sie nicht mehr, aber die waren mal sehr teuer und sind quasi neu. 15 Euro müsste ich noch dafür haben!« Hannah setzt ihr süßestes Lächeln auf.

»Würden Sie sie einer armen Geschichtsstudentin auch für 10 Euro geben?«

»13.«

»11.«

»Na gut, 11 sind ok.«

Hannahs Geld wird in ihrem sicherlich echten Gucci-Täschchen verstaut, dann sieht die Verkäuferin zu mir.

»Ihre Freundin ist eine knallharte Verhandlungspartnerin!« Ich nicke nur und will gerade den Stand verlassen, als mir die kleine Schmuckschatulle auffällt, die weiter hinten auf dem Tisch steht.

»Modeschmuck von meiner Tante. Sie hatte gerne viel und reichlich davon«, erklärt mir die Verkäuferin, dabei rollt sie mit den Augen, um mir deutlich zu machen, was sie vom Geschmack ihrer offensichtlich toten Tante hält.

Ich krame ein wenig in der kleinen Dose umher. Ich behänge mich zwar nicht mit Schmuck, aber ein paar schöne Ohrringe oder eine Kette trage ich gerne ab und an.

»Wenn Sie die ganze Dose mit Inhalt haben wollen, geben Sie mir 10 Euro, dann gehört alles Ihnen. Ich bin froh, wenn ich es los bin!« Den letzten Satz kommentiert sie mit einem Seufzen, das mir fast wie eine Bitte vorkommt, sie vom Nachlass ihrer Tante zu erlösen.

Wenig später biegen wir in die Mollerstraße ab.

»Die war ja regelrecht froh, den Tand los zu sein!«, stellt Hannah aufgeregt fest. »Ist was Cooles dabei?«

»Ich schaue in Ruhe zu Hause nach, aber eine Kette und ein paar Ohrringe, glaube ich.« Nachdem wir uns vor dem Museum ein warmes

Buttercroissant besorgt haben, bummeln wir noch den restlichen Flohmarkt hinunter. Hannah findet noch zwei Schals und ich ein Paar kaum getragene Sneaker, drei Bücher, die ich schon ewig lesen wollte, und ein paar Bilderrahmen für meine Wohnung.

»Oh Mann, die Vorstellung, nächste Woche mit meinen Eltern für vierzehn Tage nach Südafrika zu fliegen, löst nicht gerade Begeisterungsstürme bei mir aus!«, seufzt Hannah auf dem Rückweg.

»Ich leide förmlich mit dir. Zwei Wochen in einer Lodge zu leben, in Strandnähe, jeden Tag exotische Früchte zu essen, Massagen und mich in der Sonne aalen zu müssen. Ich kann mir nicht einmal ausmalen, welche Qualen du erleiden wirst!« Theatralisch schlage ich mir mit meiner Hand gegen die Brust und lege die andere gegen die Stirn. Hannah schlägt mir spielerisch gegen meinen Arm.

»He, hör auf, dich über mich lustig zu machen! Meine Eltern können nicht gemeinsam Urlaub machen. Sobald sie sich länger als vierundzwanzig Stunden entspannen, gehen sie sich gegenseitig an die Gurgel und ich kann ständig ihre Zankereien schlichten.« Der vielsagende Blick, den sie mir zuwirft, bringt mich erneut zum Lachen.

»Glaub mir, sie sind nur glücklich, wenn beide arbeiten gehen und sich nicht so viel sehen!«

​

Es ist fast Mittag, als wir uns endlich trennen und ich mit meiner Beute zurück zu meiner Wohnung gehe. Sehnsüchtig werfe ich einen Blick in mein Lieblingscafé. Schnell gehe ich weiter, in der Hoffnung, dass Wolfgang, der Besitzer des Ladens, mich nicht gesehen hat. Ich habe heute schon genug Geld ausgegeben und bin mir sicher, dass ich nur schwer widerstehen könnte, wenn er mich bitten würde, reinzukommen.

Nach wenigen Metern erreiche ich die riesige Holztür, die zum Innenhof des Hauses führt, in dem meine 1,5-Zimmer-Wohnung liegt, in die ich vor etwas über einem Jahr eingezogen bin, um selbstständiger und unabhängiger zu sein. Sehr zum Leidwesen meiner Mutter allerdings, die mich wohl gerne noch ein paar Jahre bei sich wohnen gehabt hätte.

Mein Vater hingegen war begeistert, als ich endlich eine bezahlbare Wohnung in der Nähe der Hamburger Uni bekommen habe, und hat mir bei der Renovierung und dem Einzug geholfen. Vor allem aber hat er Mama getröstet, dass ihr kleines Mädchen mit 21 durchaus in der Lage ist, allein zu wohnen.

›Es ist ja auch ein wichtiger Schritt in die Selbstständigkeit und der Grindel nicht weit weg von unserem Haus und überhaupt!‹, so oder so ähnlich waren damals seine Worte.

»Außerdem hat Persephone bestimmt keine Probleme damit, wenn du sie regelmäßig besuchst. Mit Ankündigung natürlich«, fügte er rasch hinzu, als er meinen entsetzten Blick sah. Das ist jetzt ein Jahr her und alles hat sich irgendwie eingespielt. Ich genieße meine Zeit als Studentin für Literatur, irgendwo zwischen Lernen, Gedichte schreiben, am Elbstrand dem Wasser lauschen, das sich dort in kleinen Wellen bricht, und vor allem Lesen.

 

Während ich also durch den Innenhof zu meiner Wohnung gehe und in Erinnerungen schwelge, krame ich in meiner Tasche nach dem Haustürschlüssel.

»Du bist aber heute früh unterwegs, Persephone. Wo warst du denn?« Meine 92-jährige Nachbarin kommt gerade aus ihrer Wohnung gegenüber. Wer den Ausdruck rüstige Rentnerin erfunden hat, hatte wohl Herta vor Augen.

Sie wohnt in der Wohnung rechts von mir, allerdings nicht erst seit einem Jahr, sondern schon seit den 60er Jahren. Damals ist sie mit ihrer Mutter und ihrem jüngeren Bruder eingezogen und hatte nie das Bedürfnis, andere Wege zu gehen. Ich mag Herta, sie ist immer gut gelaunt, immer positiv und wenn sie gebacken hat, bringt sie mir jedes Mal ein Stück ihres Sandkuchens rüber. Der ist zwar so staubtrocken, dass er seinem Namen alle Ehre macht, aber mit reichlich Marmelade drauf oder ein bisschen Butter schmeckt er durchaus lecker. Ich würde es aber auch nie übers Herz bringen, einen ihrer Kuchen abzulehnen.

Wir trinken regelmäßig Tee oder Kaffee zusammen, spielen eine Runde Scrabble oder Rummycub und gelegentlich erledige ich für sie die Einkäufe, wenn es ihr nicht so gut geht.

Ich bin wohl nicht das, was man sich unter einer typischen Studentin vorstellt, die ständig feiern gehen will und sich jeden Nachmittag mit Freunden trifft.

»Flohmarkt, Herta!«

»Ich sehe, du hast etwas Schönes finden können.« Dabei zeigt sie auf die Tüten in meiner Hand, in der die Bilderrahmen, Bücher und Schuhe sind. »Möchtest du morgen Nachmittag eine Tasse Tee mit mir trinken und erzählen, was du Schönes gekauft hast? Ich hätte vielleicht auch noch einen frisch gebackenen Kuchen hier!« Sie zwinkert mir verschwörerisch zu.

»Ich denke, ich habe morgen noch Platz in meinem Terminkalender. Dann muss der Bürgermeister eben warten.« Das Strahlen in ihren Augen ist nicht zu übersehen, als ich verspreche, am Montagnachmittag zu kommen.

​

Ich liebe Hertas Wohnung, sie ist wie ein privates Museum, überall stehen alte Fotos, Vasen und Figuren herum. Alles wirkt so gemütlich und jeder Gegenstand erzählt seine eigene Geschichte. Die meisten Möbel sind aus den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts. Nichts Besonderes, denke ich, aber gepflegt und ordentlich. Auf dem grün gestreiften Sofa liegen Häkeldecken, genauso wie auf dem Glastisch davor. Die goldene Stehlampe mit dem lindgrünen Samtschirm und den Troddeln daran steht hinten in der Ecke. Lediglich der alte Perserteppich auf dem Boden hat seine besten Tage bereits hinter sich.

Das Zimmer duftet nach warmem Tee, als ich es betrete, und Herta hat bereits den Mahagoniesstisch gedeckt mit einem ihrer berühmten Sandkuchen. Das Marmeladenglas und die Butterdose daneben sind extra für mich. Die beiden Teetassen sind aus feinstem weißen Porzellan mit goldenem Rand.

Ich habe meine Großmutter nie kennengelernt, aber würde sie noch leben, hätte sie so sein sollen wie Herta.

Meine Nachbarin zieht sich den Stuhl gegenüber von mir heran. Kleine Dampfschwaden steigen von der karamellfarbenen Flüssigkeit aus meiner Porzellantasse auf. Herta isst ihr Sandkuchenstück ohne etwas, ich hingegen bestreiche meines mit einer dünnen Schicht Butter und einem Klecks roter Marmelade. Der trockene Geschmack des Kuchens vermischt sich mit der Süße der Kirschen.

Wir unterhalten uns über den Klimawandel, Politik, Backrezepte oder welche Sorgen man vor 50 Jahren hatte und ob sie besser waren.

»Nun erzähl mir mal, was konntest du gestern auf dem Flohmarkt ergattern? Ich weiß doch, dass du immer etwas findest.« Ihr verschwörerisches Zwinkern bringt mich zum Lachen.

»So spannend war es gestern nicht, Herta. Hannah hatte deutlich mehr Erfolg als ich. Außer ein paar Bilderrahmen, Büchern und ein paar Sneakern habe ich nichts Spannendes finden können!«

»Wenigstens war der Ausflug nicht ganz umsonst!«, nickt Herta mir zu.

Hastig schlucke ich den Bissen Kuchen runter, als mir noch etwas einfällt.

»Ich habe noch eine Dose mit Modeschmuck gefunden. Für 10 Euro war das ein echtes Schnäppchen. Ich hatte das Gefühl, die Verkäuferin war froh, es los zu sein.«

Durch den Dampf meines heißen Tees sehe ich zu Herta, die versonnen ihr Kuchenstück isst.

»Herta?«

Sie scheint gerade in ihrer eigenen Welt zu sein, vielleicht darf man das mit 92 Jahren auch.

»Herta?«, frage ich die alte Dame behutsam.

Mit verhangenem Blick sieht sich Herta im Zimmer um, als wüsste sie nicht genau, wo sie ist. Im nächsten Moment ist der Schleier weg und sie sieht mich wieder an, als wäre nichts gewesen.

»Hast du was gesagt, Persephone?«

Liebevoll drücke ich die Hand der alten Dame, die nicht nur einen Weltkrieg miterlebt hat, sondern auch die Gründung der DDR und ihren Fall, die Mondlandung und die ersten Computer, Handys und Smartphones. Sie hat in fast einem Jahrhundert so vieles gesehen, bei dem ich gerne dabei gewesen wäre. Um manche Ereignisse beneide ich sie, um andere definitiv nicht.

»Nichts Wichtiges, Herta. Wenn du willst, hole ich die Dose mit dem

Schmuck, die ich gestern gekauft habe?« »

Oh Liebes, ich wäre höchst erfreut!«

Nach wenigen Minuten bin ich wieder zurück mit der Schmuckdose. Gestern bin ich nicht mehr dazu gekommen, mir die Sachen in Ruhe anzusehen. Gedankenversunken stelle ich die kleine Schatulle zwischen uns auf den Tisch.

 

Draußen wird es allmählich dunkel, sodass der Modeschmuck im Schein der Lampe, die Herta angemacht hat, glitzert.

Nach und nach hole ich Armbänder und Ohrringe aus dem Kästchen, dazwischen finde ich noch zwei Broschen und mehrere Ketten mit den unterschiedlichsten Anhängern. Sie reichen von grünen Glassteinen über Frösche und Vögel bis hin zu einem Lederband, an das jemand das goldene Ziffernblatt einer Uhr geknotet hat. Einfacher Modeschmuck, manches davon hübsch, anderes einfach nur moderner Kram, der hässlich wie die Nacht ist. Nichts Besonderes. Ein paar goldene Kreolen fallen mir sofort auf. Herta lächelt amüsiert.

»Persephone, wenn du das alles trägst, siehst du wie ein Weihnachtsbaum aus!« Ihr Kichern klingt wie das eines kleinen Kindes, das sich selbst über seinen Witz freut.

»Findest du nicht, dass mir das alles steht?«. Übertrieben beleidigt sehe ich sie an, als ich mir nach und nach die Ringe, Armbänder, Ketten und sogar das Lederband mit dem Ziffernblatt anlege, die ich in der Kiste finde.

»Was meinst du, Herta?« Abwechselnd halte ich mir die goldenen Kreolen und ein paar kleine, goldfarbene Stecker mit grünem Schmuckstein an die Ohren.

»Lieber die oder die anderen?«

Die alte Frau sieht mich aufmerksam an, sie lächelt weiter, aber ich habe das Gefühl, als sei die Fröhlichkeit darin eingefroren.

»Alles okay?«

Herta starrt mich an, das Lächeln, das ihre Augen nicht erreicht, wirkt seltsam verkrampft auf ihrem Gesicht, das ich sonst nur fröhlich und gut gelaunt kenne.

Ihr Ausdruck hat sich verändert, ihre Kieferknochen treten scharf hervor, die Augen durchbohren mich und sehen mich doch nicht an. Die Lippen sind blutleer und nur noch ein dünner Strich. Es ist, als sei ihre Haut blasser als noch vor ein paar Sekunden.

Das alles sehe ich, doch nur wenige Sekunden später lacht sie genauso fröhlich, wie ich sie kenne.

»Ach Kind, ich sagte dir doch schon: Wenn du das alles trägst, siehst du aus wie ein Weih-nachtsbaum! Möchtest du noch ein wenig Tee?« Ihr Lachen kommt von Herzen und fühlt sich warm und großmütterlich an. Ihre Stimme klingt wie immer, nichts erinnert mehr an diesen seltsamen Moment, es ist, als hätte ich ihn mir nur eingebildet. Trotzdem bleibt ein seltsames Gefühl zurück. Ich kann ihr Gesicht nicht vergessen – als hätte sie etwas gesehen, das ihr Angst macht und gleichzeitig unfassbar wütend.

​

Mein restlicher Besuch fühlt sich künstlich und hölzern an, die Stimmung aufgesetzt. Herta ist so, wie sie immer ist. Und trotzdem ist es anders, als hätte dieser kurze Augenblick etwas verändert. Als sei die Welt ein Stückchen schiefer, wie ein Bild, das nicht gerade an der Wand hängt – nur so wenig, dass es kaum auffällt, aber dennoch stört.

Ich bin froh, als ich mich endlich verabschieden kann und zurück in meine Wohnung gehe. Nach einigen E-Mails, die ich lustlos schreibe, und der Korrektur einer Hausarbeit, putze ich mir todmüde die Zähne und krieche in mein Bett, darum bemüht, nicht mehr an vorhin zu denken.

Kapitel 1

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